Supervision - eine Orientierunghilfe


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Supervision - Qualitätssicherung für Beratung, Therapie und Seelsorge

Eine Orientierungshilfe

Rolf Gersdorf

 

 

Supervision - Ursprung und Wozu

 

Eine erste »supervisorische Spur« finden wir im Alten Testament, im 2. Buch Mose, Kapitel 18. Moses Schwiegervater Jetro entdeckt, dass mit seinem Schwiegersohn etwas nicht stimmt. Offensichtlich war er in seiner Arbeit relativ »solistisch« engagiert, und möglicherweise – darauf weisen verschiedene charakterliche Beschreibungen des Mose hin – fiel es ihm schwer zu de- legieren. Er nahm die Dinge, auch die Rechtsprechung, in seinem Volk lieber allein in die Hand. Jetro beweist Weitblick, Weisheit und Courage und spricht Mose direkt an: »Die Sache ist nicht gut, die du tust. Du reibst dich auf (du wirst welk, wirst erschöpft sein!), sowohl du als auch dieses Volk, das bei dir ist. Die Aufgabe ist zu schwer für dich, du kannst sie nicht allein bewältigen« (2. Mose 18, 17 – 18; Elberfelder Übersetzung).

 

Mose nimmt Jetros Rat an und setzt sozusagen ein Leitungsteam von Richtern ein, die ihn entlasten.

 

Viele Berater, Therapeuten, Pastoren und Seelsorger, Teams, Gemeindeleitungen und andere Mitarbeiter geraten im Verlauf ihres Dienstes an den Punkt der Aufreibung und des Ausbrennens. Die Aufgaben und Verantwortungen sind häufig so komplex, dass die Grenzen der eigenen Belastbarkeit regelmäßig überschritten werden. Schließlich kommt es bei nicht wenigen zum Burnout, weil die Arbeit immer wieder nur mit letzten Kraftreserven bewältigt wurde.

Gerade im Bereich diakonischer Dienste, zu denen Seelsorge, Beratung und Therapie gehören, verlieren wir vor lauter Helfen und Sorgen um den anderen häufig den Blick für uns selbst und auch für Gott:

 

  • Wie wollen wir andere unterstützen, wenn wir nicht auf uns selbst achten? 
  • Wie wollen wir anderen aufhelfen, wenn wir uns selbst nicht aufhelfen lassen? 
  • Wie wollen wir mit anderen Lösungsmöglichkeiten und -wege erarbeiten, wenn wir selbst solche nicht nutzen?

 

Sehr schnell kommen wir an den Punkt, wo wir den Balken im eigenen Auge nicht sehen (vgl. Matthäus 7, 3).

 

Supervision leitet sich vom lateinischen supervidere ab und bedeutet so viel wie obendrauf bzw. darüber schauen; auch von oberhalb, von oben schauen; nach oben oder über sich hinausschauen.

 

Die Entwicklung der Supervision als professioneller Beratungsform hat eine mehr als hundertjährige Geschichte mit Wurzeln in den Anfängen der amerikanischen Sozial- und Wohlfahrtsarbeit. Damals diente sie in erster Linie der Leistungskontrolle, der Aufsicht und Anleitung von ehrenamtlichen und dann auch hauptamtlichen Mitarbeitern/-innen.

 

Wer sich in diese Geschichte vertiefen möchte, den möchten wir auf das ausgezeichnete Buch von Nando Belardi »Supervision – von der Praxisberatung zur Organisationsentwicklung« verweisen.

In Deutschland ist Supervision erst etwa seit den 50er Jahren übernommen und weiterentwickelt worden.

 

Mit Supervision werden auch die folgenden Begriffe verknüpft: Praxisberatung, Praxisanleitung, Ausbildungssupervision, Fortbildungssupervision, kollegiale Beratung und häufig auch Coaching.

In der heutigen Supervisionspraxis werden die unterschiedlichsten methodischen Ansätze angewendet, wie z. B. aus der Kommunikationswissenschaft, den Systemtheorien, der Organisationsberatung und auch aus unterschiedlichen therapeutisch ausgerichteten Modellen (Gestalttherapie, systemische Beratung, Psychoanalyse etc.).

 

Supervision ist kein rechtlich geschützter Begriff. So verwenden häufig unterschiedliche Berater/-innen diesen Begriff in ihrer Selbstdarstellung, auch wenn sie keine entsprechende Zusatzqualifikation oder berufliche Ausbildung nachweisen können.

 

An dieser Stelle sei bemerkt, dass der Einsatz dieser Mitarbeiter sicherlich wichtig und anerkennenswert und in vielen Fällen auch professionell ist. Allerdings wird dabei aber weithin übersehen (hier im Sinne von »nicht hinschauen«!), dass sich die »Supervisionslandschaft« in unserem Land und auch europaweit grundlegend geändert hat.

 

Supervision hat sich zu einer eigenen Profession entwickelt, die, auch wenn es bisher keine einheitliche Definition gibt, auf der Grundlage bestimmter Ausbildungs- und Qualifikationsstandards arbeitet. Die Deutsche Gesellschaft für Supervision (DGSv) ist heute der anerkannte Dachverband für Supervision in Deutschland und ist europaweit mit anderen Dachverbänden vernetzt. In ihm sind viele Ausbildungsinstitute zusammengeschlossen, welche die Standards festlegen, prüfen und ständig weiterentwickeln.

 

In der Regel wird in allen professionell arbeitenden Einrichtungen für die Supervision die Mitgliedschaft des Supervisors in diesem Dachverband vorausgesetzt, damit grundlegende Qualitätsstandards erfüllt werden.

 

 

Was ist Supervision denn nun eigentlich?

 

Ist es Therapie? Organisationsberatung? Berufliche Fort- u. Weiterbildung? Training? Was ist der Unterschied zum Coaching? Berührungspunkte und Gemeinsamkeiten mit diesen Bereichen gibt es sicherlich, so wie es folgende Aufstellung zeigt. Drei Bereiche finden in der Supervision vor allem Beachtung:

  • Struktur, Bedeutung und Dynamik des Kontextes, also des gesamten Berufsfeldes des Supervisanden (Bezeichnung für diejenigen, die Supervision für sich in Anspruch nehmen), dazu zählen insbesondere auch die institutionellen und organisatorischen Rahmenbedingungen.
  • die persönlichen Anteile des Supervisanden in Konflikten und Arbeitsbeziehungen (z. B. eigene Lebensgeschichte, offene/ verdeckte Aufträge durch die Herkunftsfamilie etc.).
  • Reflexion der praktischen Arbeit des Supervisanden (z. B. Fallsupervision etc.).

Supervision soll dabei unterstützen, die berufliche/ehrenamtliche und persönliche Handlungskompetenz zu erhalten, wieder herzustellen und zu erweitern. Sie ermöglicht, konkret an Lösungsschritten zu den Fragen des Supervisanden zu arbeiten, und stellt im Zusammenhang damit Lern- und Erfahrungsfelder sowie Raum für Entwicklung und Veränderung zur Verfügung.

Konkret soll er sich in der Supervision emotional entlasten, seine Wahrnehmungsfähigkeit erweitern und die Fähigkeiten zur Konflikt- und Verhandlungsfähigkeit ausbauen. Durch Supervision kann es aber zunächst auch für den Supervisanden im Prozess der selbstreflexiven Auseinandersetzung mit der beruflichen (auch der seelsorglichen) Rolle und Identität zu einer emotionalen Belastung kommen.

 

 

An dieser Stelle möchte ich den Begriff des Auseinandersetzens durch den des Zueinandersetzens ersetzen. In der Supervision geht es meines Erachtens darum, dass die Supervisanden in Kontakt mit sich selbst, mit den Themen, die sie bewegen, und mit verschiedenen möglichen Sichtweisen und Lösungswegen kommen. Mir gefällt hier eine Beschreibung, die Kurt F. Richter über den Lehrsupervisionsprozess macht (das ist die Supervision für Supervisoren in der Ausbildung), die ich so auch allgemein auf Supervision beziehen möchte.

 

Darin beschreibt er Supervision als einen intensiven Beziehungsprozess des »Begleitens, der Bereitstellung von sicheren Erfahrungsräumen, Modellverhalten, Wahrnehmungen, Wissen und Kompetenzen« (Kurt F. Richter, in: System Lehrsupervision, S. 136).

Supervision findet als Einzelsupervision, als Gruppensupervision (Mitarbeiter aus unterschiedlichen Institutionen) und als Supervision in Organisationen (Teamsupervision, Leitungs- und Rollensupervision) statt. Es ist Standard, dass jeder Supervisor selbst regelmäßig in Supervision (Kontrollsupervision) ist, und es ist Kontraktbestandteil in der Supervision, dass Informationen aus Supervisionsprozessen in der Kontrollsupervision besprochen werden dürfen.

 

Im Kontrakt zwischen Supervisor werden des Weiteren die Anzahl der Sitzungen, das Honorar, vorläufige Ziele, eventuelle Zwischen- und Abschlussauswertungen etc. vereinbart.

Die Inhalte der Supervision unterliegen der Schweigepflicht, es sei denn, es werden ausdrücklich entsprechende Kontraktabsprachen getroffen, wie zum Beispiel im Falle der Kontrollsupervision.

 

Supervision als spiritueller Erfahrungsraum?

 

Andriessen und Miethner sprechen in ihrer Beschreibung pastoraler Supervision davon, dass es in der Supervision auch und gerade um den Glauben der hauptamtlichen Seelsorger und Pastoren gehe.

Supervision wird von ihnen als begleiteter Veränderungsprozess im Sinne eines Lernweges gesehen, in dem die geistliche Dimension, also Wirkung und Ausdruck des Geistes Gottes, im Leben des Supervisanden ausdrücklich in den Blick genommen wird.

Es gibt zwar keine »christliche Supervision«, aber Supervision in den Zusammenhängen des christlichen Glaubens, in der bewusst wesentliche Themen geistlich reflektiert werden:

  • Wie erleben die Supervisanden Gottes Wirken in ihrer seelsorgerischen und geistlichen Arbeit?
  • Wie geht der Einzelne mit seinen Erfahrungen des Glaubens und den Glaubenserfahrungen anderer Menschen um?
  • Was sagt seine tatsächliche Haltung über das Wirken des Geistes Gottes in seinem Dienst aus?
  • Warum stehen bestimmte geistliche Themen, Worte und Dogmen immer wieder im Vordergrund, während andere keine oder kaum eine Bedeutung haben?
  • Wie anziehend oder abweisend, öffnend oder verschließend ist das eigene fromme Verhalten?

Glaube im praktischen Erfahrungs-, Haltungs- und Handlungsraum und  -alltag der Supervisanden und nicht die gedachte fromme Theorie oder die theoretische Abhandlung über christlich-religiöse Themen soll in der Supervision sichtbar und somit der Reflexion zugänglich gemacht werden.

 

König David betet in Psalm 139, 23 zu Gott: »Durchforsch mich, Gott, und sieh mir in das Herz, und prüfe mich und die Gedanken, Wünsche und Motive meines Herzens!« (in der Übersetzung von Dr. R.F. Edel). Hier wird genau die Haltung beschrieben, die sich meines Erachtens auch in der Supervision im christlichen Kontext immer wieder selbstkritisch im Lichte des Wirkens des Geistes Gottes hinterfragbar macht, und zwar sowohl von Supervisand wie auch Supervisor. Dadurch wird bewusst ein Entwicklungsraum geschaffen, in dem die verändernde Kraft des biblischen Wortes und des Geistes Gottes zugelassen und genutzt wird.

 

Grenzen in der Supervision liegen in der Regel dort, wo

  • der berufliche Kontext nur eine untergeordnete Rolle einnimmt und ein längerfristiges therapeutisches Setting für den Einzelnen wichtig wäre.
  • Training in bestimmten beruflichen Methoden und Techniken wichtig und notwendig wäre und somit der Wunsch oder das Bedürfnis nach beruflicher Fort- und Weiterbildung im Vordergrund stehen
  • ausschließlich Organisationsberatung und -entwicklung angesagt sind.
  • ein Coachingprozess zu bestimmten zielgerichteten Ergebnissen führen soll.

 

 

Kommen wir noch einmal auf Jetro und Mose zurück.

Sicherlich war Jetro über die gerade beschriebenen Ziele, Inhalte und Standards von Supervision nicht informiert, ebenso wenig hatte er eine von der DGSv anerkannte Supervisionsausbildung. An Zusammenhängen und Nutzungsmöglichkeiten verschiedener beraterischer Ansätze wäre er, der sich eher mit Landwirtschaft und Viehzucht beschäftigte, möglicherweise weniger interessiert gewesen.

 

Aber er hatte eine sehr gute Wahrnehmungsfähigkeit und erschloss dadurch einem Mose Lösungsmöglichkeiten für ein Problem, das dieser offenkundig selbst noch nicht erkannt oder ernst genommen hatte.

Wir haben heute großartige Möglichkeiten, unsere Kompetenz und Arbeitsfähigkeit in unseren Berufen und Berufungen zu trainieren, zu erhalten und zu erweitern.

Qualifizierte Supervision sollte nicht erst dann in Anspruch genommen werden, wenn Probleme dazu drängen, es sozusagen schon „brennt“.

 

 

Vielmehr sollte Supervision zum normalen Erfahrungsbestandteil berufsalltäglicher und auch ehrenamtlicher Arbeit in den christlichen Kirchen und Freikirchen sowie den unterschiedlichen christlichen Werken gehören.

Es ist dringend notwendig, dass Supervision auch im Bereich christlicher Werke und Dienste noch viel stärker zum Standard beratender und seelsorgerischer, beruflicher und geistlicher Kompetenzentfaltung wird.

Für die »Kunden« der unterschiedlichen Beratungs-, Therapie und Seelsorgeangebote sei hier erwähnt, dass Supervision wesentlich zur Qualifizierung und Qualitätssicherung im Prozess der eigenen Beratung beiträgt

Wünschenswert ist, dass sich noch mehr Christen in diesem Bereich ausbilden lassen, um aus einer eindeutigen christlichen Verantwortung und Haltung heraus Supervision anzubieten.

 

Weitere Informationen zum Thema

bietet die DGSv (Deutsche Gesellschaft für Supervision) Lütticher Straße 1 - 3, 50674 Köln, Telefon: (0221) 9 20 04-0, Fax: (0221) 9 20 04-29, Internet: www.dgsv.de E-Mail: info@dgsv.de

 

Literatur

  • Andriessen, C. I. Herman; Miethner, Reinhard: Praxis der Supervision – Beispiel: Pastorale Supervision, Roland Asanger Verlag, Heidelberg 1993
  • Belardi, Nando: Supervision – Von der Praxisberatung zur Organisationsentwicklung, Junfermann Verlag, Paderborn 1994
  • Brandau, Hannes: Supervision aus systemischer Sicht, Otto Müller Verlag, Salzburg 1991



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